In diesem Jahr gibt es gleich zwei Aufrufe, der Passionszeit ein eigenes Gepräge zu geben. Die Evangelischen Kirchen rufen auf zu „7-Wochen-Ohne“ – dieses Jahr sieben Wochen ohne Scheu. Die Zeit, die gewonnen wird, wenn auf viele sinnlose Verhaltensweisen verzichtet wird, sollte investiert werden; investiert in neue Begegnungen. Dazu bedarf es aber, dass die Scheu abgelegt wird.
Ein zweiter Aufruf erreicht uns von der Evangelischen Allianz, vielen ihrer Mitgliedskirchen und angeschlossenen Werke: Nicht „7-Woche-Ohne“, sondern sieben Wochen mit! Warum nicht die Passionszeit nutzen, um im Jahr der Stille auch wirklich zur Stille zu finden?
Gerhard Schöne singt in einem Lied von der heilsamen Ruhe. Ein Sohn fragt seinen Vater, wie er das macht - immer so ruhig und gelassen zu sein. Sein eigenes Leben sei immer bestimmt von Hektik. Der Vater verrät ihm das Rezept. Er sagt: „Wenn ich schlafe, schlafe ich. Wenn ich aufsteh, steh ich auf. Wenn ich esse, dann esse ich …“ Fast empört wirft der Sohn ein: „Das mache ich doch auch, genau wie Du.“ Doch der Vater widerspricht: „Wenn du schläfst, stehst du schon auf, wenn du aufstehst, isst du schon, wenn du isst, dann gehst du schon…“
Trifft der Vater nicht den Nagel auf dem Kopf. Wir leben auf Kredit. Heute wird gerannt und gerackert. Morgen soll endlich das Leben beginnen. Doch wann ist morgen? Liegt es in der DDR, wo alle nach Kürze reisen wollten, weil es in Kürze alles geben sollte? In jeder Minute, in der man sich für etwas entscheidet, denkt man gleichzeitig an die vielen Gelegenheiten, die eben wegen dieser Entscheidung verpasst werden. Aus der Angst gerade davor wird am Ende gar nichts mehr richtig getan. Viele verbringen ihr Leben genauso zu wie sie einen Fernsehabend gestalten. Sie schauen zwei Filme gleichzeitig, wechseln immer wieder zu einer interessanten Dokumentation, entdecken beim „Durchzappen“ wieviel Mist noch gleichzeitig läuft.
Fast schon modern ist plötzlich der Jahrtausende alte Aufruf des Predigers Salomo, jedem Ding Zeit und Stunde zu lassen. Ebenso würde heute ein Therapeut zu seinen Klienten sprechen. Wir kennen sie doch eigentlich alle, diese Sprüche: Nimm dir Zeit und nicht das Leben. Warum nur halten sich so wenig daran?
Es ist die Jagd. Von allen, auch frommen, Seiten werden wir angestachelt zur Jagd. „Sie suchen, was sie nicht finden“, wurde im 19. Jhdt. festgestellt. Aus der Suche ist bei vielen die Jagd geworden. Die Jagd nach Erfolg, Sicherheit, Ablenkung, Fun - Lebensglück. Wer hier meint, der Weg sei schon das Ziel, befindet sich in einem fatalen Irrtum. Dieser Weg führ in den einzelnen in den Burnout und die Wer in die Krise. Wer jagt, darf nicht ausruhen. Andere sind schneller, besser, gerissener oder haben einfach nur mehr Glück.
Bei Gott hat dieses Jagen ein Ende. Er ruft zur Stille auf. Es ist eine Ruh vorhanden: dort aber auch schon hier. Ich wünsche uns, dass wir diese Ruhe finden. Wir dürfen verschnaufen und innehalten, denn Er sorgt für uns.
Manfred Frank |